«Gebt Trauernden bitte keine Ratschläge», legt Anita Finger-Nussbaumer dem gespannt lauschenden Publikum ans Herz. Die ausgebildete und erfahrenen Lebens- und Trauerbegleiterin macht an diesem sonnigen Aprilabend von Beginn an klar: Ratschläge sind zwar oft gut gemeint – doch sie sind keine Trauerbegleitung. Anita Finger-Nussbaumer weiss, wovon sie spricht. Sie ist ausgebildete Sterbebetreuerin und begleitet seit vielen Jahren Menschen durch ihre Trauer.
Was ist Trauer überhaupt?
Trauer ist ein schwieriges Thema. Sowohl für diejenigen, die jemanden verloren haben, als auch für Angehörige, die helfen möchten. Denn auch sie sind oft verunsichert. Die Referentin führt die rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörer behutsam an das Thema heran. Zu Beginn erklärt sie die verschiedenen Trauerphasen und betont, wie wichtig es ist, trauernden Menschen Zeit zu lassen. Nach dem Tod eines nahestehenden Menschen befinden sich viele zunächst in einer Schockphase. «Trauernde können in dieser Phase lange verharren», sagt Finger-Nussbaumer. «Manche realisieren zunächst nicht, was passiert ist. Andere können ihre Gefühle nicht einordnen oder nicht darüber sprechen.» Für solche Situationen hat die Sterbebetreuerin eine Gefühlslandkarte entwickelt. Diese ermöglicht es Betroffenen, auf ein Gefühl zu deuten, ohne darüber sprechen zu müssen.
Was beeinflusst den Trauerprozess?
Wer war die verstorbene Person? Ein Kind, ein schwerkranker älterer Mensch? Ein Elternteil, ein Lebenspartner, eine Schulfreundin? Viele Faktoren beeinflussen den Trauerprozess. «Trauer ist nichts Allgemeines», erklärt die Referentin und demonstriert dies anhand eines Familien-Mobiles. Das Modell zeigt eine vierköpfige Familie im Gleichgewicht. Stirbt nun beispielsweise die Mutter, gerät das Mobile aus der Balance: Der Vater sinkt ab, die Kinder steigen auf. Besonders belastend seien Situationen, in denen sich die trauernde Person nicht verabschieden konnte – oder wenn es vor dem Tod ungelöste Konflikte gab. Auch hier macht Finger-Nussbaumer Mut: «Man kann auch nach dem Tod Abschied nehmen – etwa, indem man der verstorbenen Person einen Brief schreibt.»
Trauernden Menschen begegnen
Trauernde sind sehr sensibel. Wie kann man sie ansprechen? «Wie geht’s? Sollte man besser nicht fragen», mahnt Finger-Nussbaumer. Besser seien Fragen wie: «Es sind nun X Tage seit dem Tod von Y vergangen, wie war diese Zeit für dich?»
Hilfreich sei es auch, gemeinsam mit der trauernden Person ihre Ressourcen zu erkunden, um gezielte Unterstützung bieten zu können. «Man kann zum Beispiel nach der Schlafqualität fragen oder ob es Menschen gibt, mit denen man sich austauschen kann», so die Sterbebetreuerin. Ein sogenanntes Ressourcenblatt könne mehrfach ausgefüllt werden, um Fortschritte sichtbar zu machen. Finger-Nussbaumer arbeitet zudem mit Fotografien von Wegen oder Wurzeln, die sie den Trauernden zeigt. «Was auf dem Bild gibt dir Kraft?», fragt sie dann.
Zum Abschluss zieht die Referentin folgendes Fazit: Es gibt kein Rezept für Trauer. Sie hat keine feste Zeit. Gefühle müssen gefühlt werden, damit sie sich auflösen können.
Hinweis:
Machst du eine schwierige Zeit durch und brauchst du Unterstützung? Deine Seelsorgerin oder dein Seelsorger sind gerne für dich da.